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Dissoziation


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Bei Dissoziation (auch dissoziative Störungen genannt) handelt es sich um eine vielgestaltige Störung, bei der es zu einer teilweisen oder völligen Abspaltung von psychischen Funktionen wie des Erinnerungsvermögens, eigener Gefühle (Schmerz, Angst, Hunger, Durst, …), der Wahrnehmung der eigenen Person und/oder der Umgebung kommt. In der Psychologie wird zwischen therapeutischer und pathologischer Dissoziation unterschieden. Der ursprünglich als Krankheitsbegriff gedachte Ausdruck lässt sich dabei nach dem heutigen Stand der Forschung erweitern auf eine als allgemein menschlich gedachte Anlage, die pathogene Formen annehmen kann. Sie verweist auf das Integrationspotential des Ich, welches Identitätsmuster in eine Ordnung einbettet.

Dissoziation: Geschichte

Das Dissoziationsmodell hat sich im 19. Jahrhundert aus der Assoziationspsychologie entwickelt und wurde anfangs zur Interpretation von Hysterie, Vorgängen bei Hypnose und von Beobachtungen von Verdoppelungen oder Vervielfachungen von Persönlichkeiten angewandt. In den Theorien der damaligen Zeit (um 1880) wurde vor allem das Trauma als Auslöser von Dissoziationen gesehen. Erst 1970 bekam das Dissoziationsmodell wieder Beachtung, nachdem es zwischen 1920 und 1970 deutlich weniger aktuell war. Dissoziation bedeutet eine Unterbrechung des Stroms des Bewusstseins, Abspaltung von Gefühlen, Körperwahrnehmung und Emotionen, der Erinnerung, der Identität und der Wahrnehmung der Umwelt.

Dissoziation

Nach neueren Forschungen (um 2006) werden die Psychosomatische Störung und Konversionsstörung dem Oberbegriff Somatoforme Dissoziation zugeführt und (in Abgrenzung zur psychoformen Dissoziation) den dissoziativen Störungen zugeordnet. Inzwischen wurden entsprechende standardisierte Tests zur Erfassung entwickelt. Patienten mit dissoziativen Störungen leiden oftmals unter chronischen Körpersymptomen welche der Behandler als Dissoziationen seines Patienten verstehen sollte und als Zeichen der Desintegration der Gesamtpersönlichkeit.

Die Symptome sind hier das Ergebnis einer instinktiven Überlebensreaktion des Menschen, ähnlich der von Tieren, und erzeugen Erregungs- oder Betäubungszustände. Die Betrachtung der Endorphin-Neurotransmitter auf biochemischer Ebene zeigt so ein neuartiges Verständnis der Dissoziation auf der Verhaltensebene.

Störung

Es gibt unterschiedliche dissoziative Phänomene, die als Störung mit unterschiedlicher Intensität verlaufen, bis hin zu der sehr seltenen stärksten Ausprägung, der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS/DID).

  • Posttraumatische Belastungsstörung: Diese wird von Peter Fiedler und anderen ebenfalls in die Oberkategorie der dissoziativen Störungen gerechnet.
  • Depersonalisation: Hierbei handelt es sich um eine Veränderung der Selbstwahrnehmung, die Person fühlt sich fremd im eigenem Körper – sie beobachtet sich von außen. Dabei reagieren die Personen völlig angemessen auf ihre Umwelt. Allerdings können Sinneswahrnehmungen oder auch Körpergefühle wie Hunger und Durst gestört sein.
  • Derealisation: Dabei wird durch ein Gefühl der Unwirklichkeit die Umwelt als fremd oder verändert wahrgenommen. Sowohl Depersonalisation als auch Derealisation sind selten isoliert. Meist treten sie als ein Symptom anderer Störungen auf, z.B. im Zusammenhang von Panikattacken.
  • Dissoziative Amnesie: Der betreffenden Person fehlen wichtige Erinnerungen zur eigenen Geschichte, weit über das Maß der normalen Vergesslichkeit hinaus.
  • Konversionsstörungen und Somatisierung: Hierunter werden Verschiebungen von Trauma-Erfahrungen in körperliche Symptome verstanden (im Volksmund oft auch als “psychosomatische Störungen” bezeichnet). Fiedler und andere rechnen auch diese unter den Oberbegriff der dissoziativen Störungen.
  • Dissoziative Fugue: Hierunter wird das unerwartete Weggehen von der gewohnten Umgebung (Zuhause, Arbeitsplatz) verstanden, das bis zur Annahme einer neuen Identität bei gleichzeitiger Desorientiertheit zur eigenen Person führen kann.
  • „Flucht“ aus Traumatisierung: z.B. kann ein Kind, das von einem Elternteil sexuell missbraucht wird, meist sich weder wehren noch sich der Situation entziehen. Eine mögliche Form der Flucht ist dann die Dissoziation: Das Kind „schaltet ab“. Dieser (zu diesem Zweck) sinnvolle Abwehr- und Überlebensmechanismus kann sich dann auf weitere Bereiche des Lebens ausweiten – soweit, dass der Betroffene die Kontrolle verliert: eine dissoziative Störung entsteht.
  • Dissoziative Identitätsstörung (Multiple Identitätsstörung): Nach dem DSM-IV (dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen) müssen mehr als eine getrennte, völlig unterschiedliche Identität oder Persönlichkeitszustände vorhanden sein und im Wechsel das Verhalten des Betroffenen bestimmen. Diese Störung gehört nicht zu der Gruppe der Schizophrenie, auch wenn dies im landläufigen Begriff Spaltungs-Irrsein nicht ganz deutlich wird.
  • Andere dissoziative Empfindungen: Licht- und Geräuschempfindlichkeit; Tunnelblick; das Gefühl, als wäre der eigene Körper ausgeweitet (expandiert), so dass er sich breiter anfühlt als sonst; das Gefühl, als wäre der Körper “eingegangen”, also winzig proportioniert; stationäre Gegenstände scheinen sich zu bewegen; Zeitverlust (die Empfindung, nur unvollständige Erinnerung an kurz zurückliegende Ereignisse zu haben).

Dissoziation als therapeutische Technik

Diese Fähigkeit des Menschen zur Dissoziation kann therapeutisch genutzt werden: In der Psychotherapie steht der Begriff für eine bewusst vorgenommene Veränderung der Wahrnehmung weg vom vollständig identifizierten Erleben zu einer “Meta-Position”, aus der heraus sich der Mensch quasi “von außen” betrachtet (Heautoskopie) um seine Gefühle oder mentalen Vorgänge wertfrei zu erkennen (beispielsweise so, als ob man eine Situation, bei der man beteiligt ist, in einem Kinofilm betrachten würde).

In der Gesprächstherapie, der Neurolinguistische Programmierung und der systemischen Familientherapie ist die Dissoziation ein wichtiges Element der therapeutischen Arbeit, ebenso in der Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie (PITT).

Literatur

  • Berit Lukas: Das Gefühl, ein NO-BODY zu sein. Depersonalisation, Dissoziation und Trauma. Junfermann Verlag, 2. Auflage 2008
  • Imke Deistler und Angelika Vogler: Einführung in die Dissoziative Identitätsstörung. Junfermann Verlag, 2. Auflage 2005
  • Lydia Hantke: Trauma und Dissoziation. Modelle der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 1999
  • Frank W. Putnam: Diagnose und Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung. Junfermann Verlag, 2003

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