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Verdrängung

Als Verdrängung wird in der Psychoanalyse ein möglicher Abwehrmechanismus bezeichnet, in dem tabuierte und bedrohliche Bewusstseinsinhalte, die nach Sigmund Freud aus dem Es stammen, mittels des wertenden und verdrängenden Überichs vom Bewusstsein des Menschen ausgeschlossen werden. Die psychische Energie bleibt dabei erhalten. Dieser Vorgang ist gewöhnlich und kommt bei jedem Menschen vor. Er wird von unterschiedlichen Schulen auf unterschiedliche Weise erklärt, mitunter auch nicht beachtet.

Die verdrängten Inhalte der Psyche werden von der Freudschen Psychoanalyse meist als nicht kompatibel mit dem Ich und dem Selbst verstanden. Oftmals handelt es sich bei verdrängten Inhalten um schmerzliche und ängstigende Erfahrungen, die von negativen Affekten begleiten werden. Auf die Existenz des Verdrängungsphänomens kann allerdings nicht zwingend aus der Beobachtung unterschiedlicher Erinnerungsleistungen bezüglich negativer oder positiver Erfahrungen geschlossen werden. Zur Erklärung solcher Beobachtungen reicht es bereits aus, anzunehmen, dass angenehme Erinnerungen häufiger abgerufen werden und daher weniger stark einem Vergessensprozess unterliegen.

Verdrängung

Wie für viele andere behauptete Phänomene der Tiefenpsychologie gibt es auch für die Verdrängung keine eindeutige Operationalisierung, die einen empirischen Nachweis ihrer Existenz erlauben würde. Einige der Theorie zugrundeliegende Begriffe sind unscharf definiert und daher beliebig interpretierbar.

Es gibt empirische Untersuchungen, welche die Verdrängung als psychischen Mechanismus zu bestätigen scheinen. Auch verschiedene Psychische Störungen können am besten durch die Verdrängung erklärt werden. Die Dissoziativen Störungen beispielsweise legen generell eine Verdrängung nahe. Vor allem statistischen Methoden, die im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts in der Psychologie zunehmend eine größere Rolle spielten und maßgeblich zur Bildung einer eigenständigen psychologischen Wissenschaft geführt haben, ist die Verdrängung nur schwer zugänglich.

Ein systematisches medizinisch fundiertes Modell zur Erklärung stellte Arthur Janov in seinem Buch “The Anatomy of Mental Illness” 1971 (Deutsche Ausgabe “Anatomie der Neurose”) dar. Hierin stellt er ein neurologisches Modell, die Primärtheorie, vor, mit der er die Blockade vor allem von Wahrnehmungen und Reaktionen auf die Funktion des limbischen Systems zurückführt.

Verdrängung und Vergessen

Neben der Verdrängung müssen die Phänomene des einfachen Vergessens (Gedächtnis), des willkürlichen “Abschaltens” und verschiedene Formen der Hemmung (Lernpsychologie) unterschieden werden.

Das Vergessen ist ein inaktiver Prozess, der an Vorstellungsinhalten abläuft, welche von der Person unbewusst als weniger relevant bewertet werden. Die Bewusstseinsinhalte verblassen bei der weiteren Enkodierung. Sie werden abstrakter und bilden gemeinsam mit anderen assoziierten Vorstellungen schließlich eine verschmolzene Erinnerungsspur, die nicht wieder in Einzelheiten aufgelöst werden kann. In der Lernpsychologie gilt die Fähigkeit, Einzelheiten zu vergessen und generalisierte Erinnerungsspuren zu bilden, als wichtige Voraussetzung für eine auch im Alter aktive Lernfähigkeit.

Die Verdrängung wird im Unterschied zur Erinnerung als aktiver Prozess gesehen, der einen ständigen psychischen Aufwand erfordert, die so genannte Verdrängungsarbeit. Unter ihrer Wirkung konservieren sich die Vorstellungen. Sie gehen nicht in einen Bewusstseinsstrom der Erinnerung, eine generalisierte Erinnerungsspur, ein. Dies hemmt und verfälscht die Aufnahmebereitschaft für neue Vorstellungs- und Bewusstseinsinhalte und behindert die Lernfähigkeit ganz allgemein.

Die Primärtherapie, deren Begründer Arthur Janov ursprünglich aus der Freudschen Schule kommt, erkennt das Phänomen Verdrängung zwar als existent an, sagt jedoch gleichzeitig in seiner Primärtheorie, dass diese Verdrängung lediglich aus Inhalten bestehe, die gerade psychische Traumata darstellen und in letzter Konsequenz zu psychischen Störungen, Neurosen, Psychosen führen. Ziel einer Therapie müsse es sein, die verdrängten Inhalte wieder bewusst zu machen und Verbindungen zu Verhaltensweisen in der Gegenwart herzustellen.

Die “Abwehrhysterie”

Die ersten Konzepte der Verdrängung gehen auf Sigmund Freud zurück, der 1895 in seinen Beiträgen der “Studien über Hysterie” eine Abwehrhysterie klassifizierte und einen hysterischen Mechanismus beschrieb, welcher später von ihm verallgemeinert und zum Konzept der Verdrängung umgewandelt wurde. Den Begriff Verdrängung mag Freud dabei von seinem Lehrer Meynert bezogen haben, der ihn wiederum bei dem deutschen Psychologen Herbart (1824) zum ersten Mal gelesen haben könnte.

Die folgende illustrierte Darstellung entspricht der verbalen Beschreibung von Freud zur Abwehrhysterie, die “unmittelbar vor” der Entwicklung seines Konzepts von der Verdrängung gemacht wurde und zeigt seine ursprüngliche Vorstellung der Entstehung unbewusster Inhalte im Patienten.

Innerhalb des primären Bewusstseins würden durch assoziative Isolation sekundäre Bewusstseinsstrukturen entstehen, die neue Repräsentanzen, welche mit ihnen nicht vereinbar sind, abwehren. Beachte den zeitlichen Ablauf: Die unvereinbare Repräsentanz werde nicht in jenem Moment abgewehrt, in dem sie an den Patienten herangetragen wird, sondern später. Die Repräsentanz müsse bereits im Bewusstsein befindlich sein, wenn sich eine Abwehr (schwarzer Pfeil) gegen sie aufbaue.

Die unvereinbare Repräsentanz werde daher ihrerseits isoliert und dem Bewusstsein entzogen (rote Abgrenzung). Da sie aber nicht in die bereits bestehende sekundäre Struktur integriert werden könne, existiere sie eigenständig im Unbewussten weiter und bilde so überhaupt das Unbewusste. Sie hinterlasse oft nur eine kaum merkliche Spur im primären Bewusstsein.

Werde die unvereinbare Repräsentanz aus der Außenwelt angesprochen – was meist über eine aktivierende Assoziation erfolgt, da die unvereinbare Repräsentanz ja nicht bekannt ist (gestrichelte dünne Linien) – so bilde sich sofort erneut Abwehr aus, die von der sekundären Bewusstseinsstruktur ausgeht und sich sowohl gegen die aktivierende Assoziation sowie gegen die Außenwelt richtet. Die beiden durchgehenden schwarzen Pfeile zeigen die Abwehr an. Die Abwehr sei dabei vielseitig und geschickt, weise jedoch immer die Merkmale des sekundären Bewusstseins auf. Darum sei auch die Abwehr oft nicht logisch korrekt, sondern unplausibel oder unverhältnismäßig. Sie verrate damit, dass sie eine Abwehr ist, und somit auch, dass sie gegen etwas gerichtet ist – eben gegen das Bewusstwerden der unvereinbaren Repräsentanz.

Daraus schlussfolgerte Freud, dass das vermeintliche Nichtwissen des Hysterikers eigentlich ein Nichtwissenwollen sei, keinesfalls jedoch ein echtes Nichtwissen. Freud beschrieb diesen Vorgang als einen “Kampf zwischen verschiedenen Motiven”. Im Patienten würden sich Abwägungen abspielen, welche letztendlich zugunsten einer Seite hin entschieden würden. In ungünstigeren, meist aber gegebenen Fällen gehe das sekundäre Bewusstsein einen Kompromiss ein, der es ihm erlaube, die unvereinbare Repräsentanz trotz gewisser Zugeständnisse an die Außenwelt unbewusst zu lassen. Dann nämlich werde die Wahrnehmung selbst in den Dienst des sekundären Bewusstseins gestellt. (Der Vorgang wird heute in der kognitivistischen Schule als kognitive Dissonanzreduktion bezeichnet, allerdings theoretisch anders untermauert.)

Die Therapie schließlich könne sich zunächst mit Drängen und Appellen über das primäre Bewusstsein der unvereinbaren (und in diesem Moment ja unbewussten) Repräsentanz nähern, in der Hoffnung, der Patient könne unter psychischem Druck die Abwehr überwinden. Die Abwehr richtet sich, so Freuds Ansicht, deshalb sehr heftig gegen den Therapeuten, der mitunter als feindlich empfunden werde.

Der psychische Druck ist hier blau dargestellt. Er wird durch Drängen und verschiedene argumentative Kunstgriffe aufgebaut und zielt darauf ab, dass er vom Patienten nur vermindert werden kann, wenn der Patient seine Abwehr fallen lässt und die unvereinbare Repräsentanz äußert. Außer dem Drängen gibt es noch die Möglichkeit, taktil verstärkte Suggestionen zu erteilen und deren Wirkung mit dem Patienten gemeinsam zu besprechen, damit die Resultate später verfügbar sind.

Wichtig dabei sei, dass der Patient nicht zur Entwicklung von hypothetischen Vorstellungen gedrängt werde, die er sich schnell zurecht legt, rationalisiert oder erlügt. Selbst wenn der Therapeut eine Ahnung davon hat, um welche unvereinbare Repräsentanz es sich handeln könnte, müsse er streng darauf achten, dass sie vom Patienten erstmalig geäußert werde, da nur dann abgesichert ist, dass er keinem Irrtum unterliegt.

Bedeutung der vorläufigen Theorie der Abwehrhysterie

Das Konzept der Abwehrhysterie enthielt historisch erstmals eine empirisch und theoretisch ausgearbeitete Annahme unbewusster Repräsentanzen. Es ist jedoch noch einmal hervorzuheben, dass, wie oben bereits angedeutet, das hysterisierende Vergessen von Erinnerungen an tatsächliche, traumatisierende Ereignisse nur eine vorläufige Arbeitshypothese Freuds aus dem Jahr 1896 darstellte, die er spätestens 1905 im Rahmen der Erstveröffentlichung seiner “Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie” mit dem Konzept des Ödipuskomplexes ersetzt hatte. Erste Ansätze dazu finden sich allerdings bereits in einem Brief Freuds an Wilhelm Fließ aus dem Jahre 1897, in dem auch der Begriff “Ödipuskomplex” erstmals auftaucht.

Freilich löste aber auch die Einführung des Ödipuskomplexes das Problem nicht vollständig; erst die Begriffe Es, Ich und Überich, die Freud in den Jahren 1920-23 entwickelte, waren vollständig dazu in der Lage, die Unstimmigkeiten, die im Zusammenhang mit Freuds Verführungstheorie aufgetaucht waren und diese mit der Wirklichkeit unvereinbar gemacht hatten, zu erklären.

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