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Gruppendynamik

Der Begriff Gruppendynamik bezeichnet:

  • Muster, in denen Vorgänge und Abläufe in einer Gruppe von Menschen erfolgen,
  • eine Methode, die gruppendynamische Vorgänge beeinflusst und erfahrbar darstellt,
  • die wissenschaftliche Disziplin, die diese Muster und Methoden erforscht.

Die Eigenschaften und Fähigkeiten einer Gruppe sind verschieden von der Summe der Eigenschaften und Fähigkeiten der einzelnen Personen der Gruppe. Als hauptsächliche Begründer der Gruppendynamik gelten Kurt Lewin (1890-1947), einer der Pioniere der Gestalttheorie beziehungsweise Gestaltpsychologie, der den Begriff erstmals 1939 in seinen Veröffentlichungen benutzte, sowie Jakob Levy Moreno (1889-1974), der zur Entwicklung der Angewandten Gruppendynamik wesentlich beigetragen hat und der die Bezeichnung ”Gruppendynamik” schon 1938 benutzte.

Gruppendynamik: Die Dynamik in einer Gruppe

Prozess

Der Prozess einer Gruppe umfasst die gesamte Entwicklung der Gruppe, die klassischen Phasen, die Verteilung der Rollen, die Bestimmung der Ziele und Aufgaben, die Bildung der Normen und Regeln, die Gestaltung der Kultur, die Verteilung von Macht, die Aufnahme neuer Mitglieder, der Umgang mit Dritten und anderen Gruppen.

Phasen

Jede Gruppe entwickelt sich in Phasen, deren Abfolge immer ähnlich verläuft. Bennis beschreibt drei Phasen:

  • Dependenz – Abhängigkeit,
  • Konterdependenz – Gegenabhängigkeit/Trotz,
  • Interdependenz – reifes Miteinander.

Rollen

In jeder Gruppe gibt es charakteristische Rollen. Raoul Schindler nannte sie:

  • Alpha (der Führer),
  • Beta (die Spezialisten),
  • Gamma (die Arbeiter),
  • Omega (der Sündenbock).

Diese Rollen sind immer besetzt. Wenn beispielsweise der Sündenbock ausgeschlossen wird, tritt ein anderes Gruppenmitglied an dessen Stelle. Dies gilt nicht für die Spezialisten (Beta). Diese Rolle muss in einer Gruppe nicht unbedingt besetzt sein.

Gruppendynamik

Das Gruppendynamische Training

Ein Gruppendynamisches Training bietet Raum, das Wirken des eigenen und fremden Verhaltens auf das Gruppengeschehen zu beobachten und neues Verhalten auszuprobieren.

Settings

  • Plenum: Im Plenum kommen alle Teilnehmer und die Trainer zusammen. Das Gruppendynamische Training beginnt und endet im Plenum. Dies ist der Ort an dem allgemeine Informationen mitgeteilt werden, Gruppen für weitere Arbeitsphasen eingeteilt werden, Ergebnisse von Arbeitsgruppen präsentiert werden und gegebenenfalls werden durch die Trainer Theorieinputs gegeben oder sonstige Interventionen gemacht.
  • T(rainings)-Gruppe: Das Kernelement des Gruppendynamischen Trainings ist die T-Gruppe. In der T-Gruppe arbeiten 7 – 15 Teilnehmer mit 1 – 2 Trainern für die gesamte Dauer des Trainings zusammen. Die Aufgabe der Gruppe besteht daher darin, sich selbst zu erforschen. Dabei wird von den Trainern nur Ort und Zeit vorgegeben, nicht jedoch ein genauer Arbeitsplan. Die Gruppe ist daher darauf angewiesen den Lernprozess selbst zu gestalten, was besonders in der Anfangsphase für alle Beteiligte sehr verunsichernd ist. In der Regel arbeiten 2 – 6 T-Gruppen parallel.
  • Tandem: Beim Tandem beobachtet eine T-Gruppe eine andere. Am Ende der Arbeitsphase gibt die beobachtende Gruppe an die beobachtete Gruppe ein Feedback, das unkommentiert stehen bleibt. Danach wechseln die Gruppen.
  • Untergruppen: Für bestimmte Aufgaben werden Untergruppen gebildet. Diese können entweder das ganze Training überstehen, z. B. als Verschnittgruppe aus den verschiedenen T-Gruppen, die sich über die unterschiedlichen Verläufe der T-Gruppen austauschen, oder als Arbeitsgruppe innerhalb der T-Gruppe.

Arbeitsprinzipien

  • Niedrigstrukturiertheit und initiale Verunsicherung: Die Trainer geben wenig Struktur in Form von Arbeitsanweisungen o.Ä. vor. Das führt besonders in der Anfangsphase zu großer Verunsicherung. Nach Kurt Lewin ist jedoch gerade diese Verunsicherung notwendig, um Lernmöglichkeiten zu ermöglichen. Alte Verhaltenweisen sollen aufgetaut werden (Unfreeze), damit neue Verhaltensweisen ausprobiert werden können. Gleichzeitig wird durch das Erleben des Mangels an Vorgaben die Funktion eben dieser spürbar.
  • Das Hier-und-jetzt-Prinzip: In der Gruppe soll vorrangig auf Ereignisse Bezug genommen werden, die gerade passieren, so dass sie für alle gleichermaßen Bedeutung gewinnen können und eine gemeinsame Kommunikation darüber erleichtert wird. Ereignisse, die außerhalb der Gruppe, z. B. in der Vergangenheit eines Teilnehmers liegen, sollen nur insofern zum Thema werden, als dass sie helfen das aktuelle Gruppengeschehen besser zu verstehen.
  • Feedback: Da es im Gruppendynamischen Training um das gemeinsame Verstehen des Gruppengeschehens geht, ist es notwendig das eigene Erleben den anderen mitzuteilen. Diese Mitteilung wird Feedback genannt.
  • Gruppendynamische Intervention: Die Trainer reagieren auf bestimmte Prozesse in der Gruppe durch eine “gruppendynamische Intervention”. Dies kann ein Theorie-Input, eine Situationsbeschreibung oder -Analyse, ein Feed-Back, eine Aufgabe oder Anweisung, eine Frage, eine Übung sein. Nach der Intervention ist die Gruppe wieder sich selbst überlassen und muss selbst entscheiden, welche Erkenntnisse sie aus der Intervention ziehen und wie sie diese für den weiteren Prozess der Gruppenarbeit umsetzen will.
  • Gruppendynamische Übung: In den 1970er Jahren wurde in gruppendynamischen Trainings eine Reihe von Übungen entwickelt, mit denen typische Gruppen-Situationen geschaffen, bewusst gemacht oder geübt wurden. Bekannte Übungen sind: Kontrollierter Dialog, Feedback, NASA-Weltraumspiel, Dienstwagen, Turmbau

Organisationslaboratorium

Eine dem Gruppendynamischen Training sehr ähnliche Seminarform ist das Organisationslaboratorium. Dabei entfällt die Struktur der T-Gruppen. Aus dem Plenum heraus müssen sich die Teilnehmer selbst organisieren, also gegebenenfalls auch Arbeitsgruppen selbst bilden. Der Fokus liegt hier auf der Beobachtung von Organisationsprozessen.

Gruppendynamische Forschung

Gruppendynamische Forschung bedient sich insbesondere der teilnehmenden Beobachtung in gruppendynamischen Laboratorien und im Organisationslaboratorium Die Erkenntnisse durchdringen weite Bereiche der Sozialwissenschaften (Schulpädagogik, Gruppenpädagogik, Jugendarbeit, Gruppenpsychotherapie, Führung und Management, Teamarbeit, Projektarbeit, Politik, etc).

Gruppendynamische Theorien

Gruppenphasenmodelle

Es existieren verschiedene Gruppenphasenmodelle. Sie versuchen, Gesetzmäßigkeiten in Gruppen in unterschiedlichen Phasen zu beschreiben und ermöglichen damit eine Unterscheidung und Einteilung von Gruppenprozessen. Der Preis für diese Einteilungen ist, dass man Gefahr läuft, die Phasen als festgeschriebene Abfolge zu verstehen und somit als Prognosewerkzeug dienen können. Vielmehr eignen sie sich, um Prozesse als Bearbeitung unterschiedlicher Anforderungen an Gruppe zu verstehen.

Die Teamuhr

Das Modell der Teamuhr von B.W. Tuckmann ist wohl am bekanntesten. Tuckmann unterscheidet:

  • forming (Orientierungsphase),
  • storming (Machtkampfphase),
  • norming (Vertrautheitsphase),
  • performing (Differenzierungs- und Leistungsphase).

Literatur

  • L.B. Bradford, J.R. Gibb & K.D. Benne: “Gruppen-Training.” Stuttgart 1972 (en: 1966)
  • Klaus Antons: “Praxis der Gruppendynamik”, 1974
  • J. Luft: “Einführung in die Gruppendynamik.” Stuttgart 1971
  • Tobias Brocher: “Gruppendynamik in der Erwachsenenbildung”, 1967
  • Eberhard Stahl: “Dynamik in Gruppen. Handbuch der Gruppenleitung” Weinheim – Basel – Berlin 2002
  • Karl G. Kasenbacher: “Gruppen und Systeme. Eine Anleitung zum systemtheoretischen Verständnis der gruppendynamischen Trainingsgruppe.” Opladen 2003
  • Lothar Gassmann: “Fühlen statt zu denken. Geheime Gehirnwäsche durch Gruppendynamik”, Uhldingen 1991

Weblinks

Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Gruppendynamik aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

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